Wie kann ein Artikel um € 1,50 frei Haus kommen?
Wer in Salzburg ein Paket nach Wien schickt, zahlt dafür ungefähr € 5. Das ist ein realistischer Preis: Das Paket wird abgegeben, quer durch Österreich transportiert und vom Zusteller bis zur Haustür gebracht.
Gleichzeitig kommt ein Artikel um € 1,50 aus China frei Haus – über tausende Kilometer. Das versteht eigentlich niemand. Die Antwort: Der Preis ist nicht echt. Jemand anderer zahlt die Differenz.
Früher: Sondertarife im Weltpostverein
Die Postunternehmen der Welt verrechnen sich untereinander nach Tarifen des Weltpostvereins. China wurde dort lange als Entwicklungsland eingestuft. Für kleine Sendungen aus China bekam die Post im Zielland deshalb eine Vergütung, die unter ihren eigenen Kosten lag. Die Deutsche Post soll dadurch 2016 rund 120 Millionen Euro verloren haben. Zeitweise war ein Päckchen von Shanghai nach Berlin billiger als eines innerhalb Deutschlands.
Nach einer Reform 2019 dürfen die Länder ihre Tarife inzwischen selbst festlegen, die Anhebung lief schrittweise bis 2025. Diese Bevorzugung gibt es heute kaum noch.
Heute: Masse, eigene Logistik und verschenkter Versand
- Masse: Temu und Shein fliegen zusammen rund 9.000 Tonnen Ware pro Tag aus – bei solchen Mengen gibt es Frachtpreise, von denen ein normaler Kunde nur träumen kann.
- Eigene Logistik: Die Plattformen nutzen zunehmend eigene Lager in Europa und private Zusteller.
- Verschenkter Versand: Die Plattformen zahlen den Versand teilweise selbst – als Werbung, um schnell zu wachsen.
- Kaum Abgaben: Bis Juli 2026 gab es unter € 150 Warenwert keinen Zoll. Erst seither gilt ein Pauschalzoll von € 3 je Warenart.
Die Gratis-Retoure: Ein Beispiel aus dem Alltag
Sie haben Schuhgröße 38. Weil Schuhe unterschiedlich ausfallen, bestellen Sie vorsichtshalber 37, 38 und 39. Zu Hause passt wie erwartet die 38. Die anderen zwei Paare schicken Sie zurück – Versand und Rücksendung sind ja gratis. Sie bekommen zwei Drittel Ihres Geldes zurück.
Für den Shop ist das aber alles andere als gratis. Eine Rücksendung kostet den Händler laut Universität Bamberg je nach Rechnung etwa € 8 bis € 20. In der Mode wird mindestens jedes zweite bestellte Stück zurückgeschickt. Diese Kosten rechnet der Shop in seine Preise ein. Am Ende zahlt den Versand und die Rücksendung also der Kunde, der seine Ware behält.
Was sagt das Gesetz?
Viele glauben, die Gratis-Retoure sei Pflicht. Das stimmt nicht: Nach EU-Recht trägt bei einem Rücktritt grundsätzlich der Kunde die Rücksendekosten – außer der Shop übernimmt sie freiwillig. Wer die ganze Bestellung zurückschickt, bekommt allerdings die normalen Versandkosten der Hinsendung erstattet.
Die Gratis-Retoure ist also kein Gesetz, sondern Marketing. Große Händler können sie sich leisten, kleine Shops geraten dadurch unter Druck, mitzuziehen.
Was passiert mit den Retouren?
Der Großteil wird wieder verkauft: Laut einer Studie der Universität Bamberg gingen 79 % der Retouren als neue Ware und 13 % als B-Ware wieder in den Verkauf. Ein Teil wird aber bis heute vernichtet – die EU schätzt, dass 4 bis 9 % der unverkauften Textilien in Europa zerstört werden, bevor sie jemand getragen hat.
Seit 19. Juli 2026 dürfen große Händler unverkaufte Kleidung und Schuhe in der EU nicht mehr vernichten. Ausnahmen gibt es aber, etwa aus Hygienegründen – zurückgeschickte Unterwäsche darf also weiterhin entsorgt werden.
Meine Meinung
Gratisversand und Gratis-Retoure gibt es nicht. Irgendjemand zahlt immer – meistens der Kunde, der seine Ware behält, oder der kleine Händler, der da nicht mithalten kann. Dazu kommen Millionen Pakete, die nur hin und wieder zurück fahren, und Ware, die teilweise im Müll landet. Das ist ökologischer Wahnsinn.
Mein Lösungsvorschlag: Für Versand und Rücksendung muss immer ein realistischer Preis verrechnet werden – extra ausgewiesen auf der Rechnung, nicht im Warenpreis versteckt. Kostenlose Rücksendungen sollte es nicht geben. Schafft ein Versanddienstleister ein Paket wirklich um € 1,50, dann sieht man das schwarz auf weiß – und ich kann meinen eigenen Paketdienst fragen, warum ich € 5 zahle. Dann entscheidet ein fairer Wettbewerb, die Leute bestellen bewusster, es gibt weniger Pakete – und eine Paketsteuer braucht es dafür nicht.
Bekannt aus: RTS „Salzburg Aktuell“ vom 09.10.2026 und SALZBURG24. Stand: Oktober 2026. Alle Angaben ohne Gewähr, keine Rechtsberatung.
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